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Hier finden Sie eine kurze
Leseprobe von
Wer bezahlt den Leierkastenmann?
(Erzählungen 2026)
(ISBN
978-3-941072-33-6)

Buchgestaltung und Fotos
von Volker Blumenthaler



Bestellung über Kontakt.
mit Rechnung und portofrei




Hörprobe: Wer bezahlt den Leierkastenmann?





Text aus
Wer bezahlt den Leierkastenmann?

aus
Carson flaniert

Nach siebenundfünfzig Jahren wachte Carson in der
S-Bahn
auf. „Genug geruht. Ich fühle mich ausgeschla-
fen
. Wie verwandelt.“ Die ersten Schritte an der
Hauptwache waren schmerzfrei. Ihr Gehirn
funktionierte, und sie hatte einen Bärenhunger.
Weg waren die
Gebrechen, die vielen Schlaganfälle
bis hin zum Koma
.
Ihr ging es zum ersten Mal wieder gut. Und wie
z
um Beweis, machte sie in einem Hauseingang heim-
lich einige Kniebeugen. Die Knochen knackten, sie
fühlte
sich frei von Schmerzen und war zu allem
bereit.
In ihrem alten Mantel fand sie einen Fünfzigdollar-
schein
und ging frühstücken. Wie sie nach Frankfurt
am Main gekommen war, das sie nicht kannte,
blieb ihr unklar. Aber sie wollte nicht klagen.
Sie lebte. Ihre
fünfzig Dollar wurden akzeptiert,
und sie bekam da
s Restgeld in einer fremden
Währung. Das Essen war
ungewohnt. Doch das
Omelett, der Kaffee, der Toast,
so fremd waren
sie dann doch nicht.
Der Verkehr war ihr allerdings fremd, wie so
vieles. Wir wollen nicht alles aufzählen, damit
halten wir
uns nicht auf. Die nächsten Stunden
und Tage waren
für Carson ein Staunen und Lernen.
Doch es gefiel ihr ungemein. Sie kam ja zuletzt aus
New York und
war von dort her einiges gewohnt.
Es ging um Carsons
neues Leben, gesund, in einem
fünfzigjährigen Körper.
Sie wollte ihre zweite Chance
nutzen. Doch fünfzig Dollar waren nicht viel Geld.
Sie telefonierte mit ihrem Verlag und erhielt bald
darauf einen Vorschuss für ein neues Buch. Man war
froh, dass sie wieder da war. Freue sich auf ihr Buch.
Doch warum sie nicht zurück nach Amerika käme?

„Ich bin nun mal in Frankfurt gestrandet. Die Südstaa-
ten kenne ich, Brooklyn auch. Ich will etwas Neues
sehen.“ Sie mietete sich in ein Hotel in der Lindley
Straße im Ostend Frankfurts ein, da ihr der
Name
amerikanisch klang. Hilton oder Sheraton mied
sie.
ie fürchtete, dort erkannt zu werden. Und obwohl
sie so lange geruht hatte, machte sie einen Mittags-
schlaf. Alles war neu und sie sich selbst auch.
Sie vertraute dem Schlaf und träumte bereits
unge
duldig von ihrem Erwachen.
Im Traum nahm sie Abschied von ihrem früheren
Leben. Dem ständigen krank sein. Den Schmerzen.
hrer Schwermut. Die lässt sie hinter sich, wie eine
Studentin, die nach ihrem Diplom ein wenig Ab-
schied nimmt von einem Teil ihrer selbst. Sie ist
chmerzfrei, kann sich bewegen, nichts hindert
sie am Leben. Will ihre zweite Chance nutzen.
Wieder schreiben. Nicht mehr über das Leben
in den
Südstaaten und deren sonderbare Menschen.
Der
Schwermut dort, der unerfüllten Sehnsucht.
ie sieht sich am Nullpunkt gänzlich neuer Erfahrun-
gen. Auf einem
neuen Kontinent, in einem fremden
Land, in einer anderen
Zeit.
Sie würde sich neu kennen lernen, wollte nicht

ieder zurück in ihre Grabesruhe, von der sie gerade

mehr als genug hatte. Furchtlos musste sie sein,
ich
selbst vertrauen. Schließlich war sie fünfzig Jahre
alt,
hatte Lebenserfahrung und eine zwar schmerz-
hafte, aber interessante Vergangenheit.
Wie gerne hätte sie Tennessee Williams getroffen
oder Auden. Mit ihnen Kaffee getrunken oder Tee.
Von alten Zeiten gesprochen und sich von ihnen Rat
für ihr neues Leben erbeten. Doch die waren tot.
Und neue Freunde wollten erst einmal gefunden
werden.


aus
Wer bezahlt eigentlich den Leierkastenmann?

I. Ein Unglück kommt selten allein.

Gutgelaunt wacht er auf. Nach fester Nachtruhe.
Wie lange
ist ihm das nicht mehr passiert. Und es
ist ihm nicht recht.

Statt aufzuwachen und sich zuzuflüstern: „Wäre
doch bloß bald alles zu Ende“, springt er aus dem
Bett. Auch dies ist ihm, dank seiner Fußprobleme,
schon lange nicht mehr geglückt.
Doch statt sich zu freuen, ist er betrübt, dass er
sich freut. So ohne jeden Grund und zudem gegen
einen Willen froh. Und dass er nicht, wie sonst,
ausschließlich betrübt war. Ein merkwürdiger Zustand.
Was überwiegt hier? Seine Gefühle jeweils hierzu aber,
oh Schreck, laufen parallel.
Empfindet dies als anstrengend. Kann sich den ge-
wohnten Zustand nicht herstellen. Trübsinn und
Freude ringen nun miteinander. Eigentlich ringen
sie nicht, sie
sind gleichzeitig da und gleich stark.
Er kann die gute Laune
nicht mehr loswerden.
Sein guter, alter, gewohnter morgendlicher Trübsinn,
der sich durch den Tag zieht bis in den nächtlichen
S
chlaf hinein. Er wird nun von einer Freude begleitet,
ohne besonderen Anlass und ohne ein Bewusstsein
davon, warum?
Sie scheint ihm vielmehr die Freude eines Idioten
z
u sein, der seinen Zustand nicht einzuordnen vermag.
Unfähig, mit diesem Gefühl zu spielen oder gar damit
zu agieren.
Eine leichte Panik macht sich zunächst breit. Anderer-
seits wächst auch seine Freude im Verhältnis dazu mit.
Er versucht sie daher, bisher erfolglos, schnell wieder
loszuwerden.
Die Situation sieht ihn freudig und unglücklich zugleich.
Ein schrecklich „schöner“ Moment. Was soll er tun? So
weiterleben? Und sein Zustand verändert sich nicht.
Seit Wochen, Monaten. Er lebt an einer „Nulllinie“
entlang des Glücks und seines direkten Gegenteils.
Warum? So sehr er auch nachdachte, er fand keinen
Grund, und konnte sich nicht mehr recht daran
er-
innern. War dies überhaupt schon einmal geschehen?
Sein Leben war eine große Betrübnis, im Wissen
darum, dass alles im Leben vergebens ist. Zumindest
für ihn. Sie war wie eine kostbare Decke, die er um
seine Schultern, Arme und Beine legte, auf dass sie
ihn wärme und beschütze. Vor allem vor guter Laune,
die ihm dermaßen lästig, ja geradezu unerotisch

schien, dass er sie sich kaum hätte verzeihen mögen.
So lebte er letztlich aber doch auch ein wenig an-
genehm. Wenn immer alles vergebens, öde und
banal ist, wird daraus mit den Jahren eine kostbare
Erfahrung. Die er sich erarbeitet und „erlebt“ hat
und
die er auf keinen Fall wieder verlieren möchte.
Was
hatte ihn diese Haltung Kraft und auch bereits
Geld
gekostet!
Kraft, solch ein Leben zu ertragen und Geld,
weil
man seine Enttäuschungen schließlich auch oft
teuer
zu bezahlen hatte. Obwohl er in gesicherten
Verhält
nissen lebte.
Seine monatliche Weinrechnung, die seinem großen
und gepflegten Weinkeller galt, überstieg das monat
liche
oder besser das vierteljährliche Budget eines normalen
durchschnittlichen Haushalts
Seine nun nur noch hin und wieder erlebten Gourman-
disen, im Verhältnis zu früher, wo er exzessiv vorging,
brachten ihm immer weniger Genuss. Und
der in
letzter Zeit genossene oft maßlos überteuerte
Wein
schenkte ihm keine Befriedigung. Ein Wein zu
einem
fairen Preis, jenseits eines übersteigerten Mar
ketings,
gefiel ihm nun besser. Nicht wegen des ersparten
Geldes, sondern des Sieges der Vernunft,
die ihm
ein hohes, vielleicht sein höchstes Gut war.
Doch wie lange wollte er so weiterleben? Sollte er
das Spiel nicht vielleicht jetzt beenden? Noch ließ

er es auf sich zukommen, gespannt und gelangweilt
zugleich. Nun dazu noch dieses Unglück mit der grund-
los guten Laune!
Gute Laune war ihm immer schon verhasst! Ob
dereinst beim elterlichen abendlichen Fernsehen mit
Chips und Saft. Oder bei der ihm lächerlich erschei-
nenden gute Laune früher bei seinen Klassenkameraden.
Als er eine Zeitlang die Fahne eines Fußballvereins
schwenkte, machte ihm das keine gute Laune. War
es doch vielmehr eine ernste Pflicht, die er da erfüllte,
für etwas, was größer war als er selbst.
Bis es ihm dann gleichgültig wurde, und er in der
Fahne des Vereins bloß mehr ein Stück Stoff sah, das
nach und nach verschmutzte und am Ende bloß nur
noch fürchterlich roch.
Die gute Laune seiner Mutter empfand er wie einen
Fluch, der auf der Familie lastete. Als habe die
Fami-
lie für etwas zu büßen, vielleicht für die Er
lebnisse
seines Vaters an der Ostfront?

Wenn der sich nach dem Dienst umzog, um sogleich
in den Garten zu gehen, Tag für Tag und erst zum
Abendessen heimkehrte, empfand er dessen
Heimkehr
wie etwas, das nicht normal war. Das ihm
gespens-
tisch vorkam. Als kehrte der Vater jedes Mal
nicht
aus dem Garten, in dem er vor allem Obst und
Ge-
müse für die Familie anbaute, zurück, sondern frisch
aus dem Krieg.
S
ie saßen dann alle nach dem Abendessen gemeinsam
bei Chips, Saft und Bier vor dem Fernseher, be
grün-
deten eine familiäre Gemeinschaft, die ihn der
art
betrübte, dass dies zur Grundstimmung seines Lebens
wurde. Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr um Jahr.
Wie bei einem Opfergang, einer Buße für etwas,
bei dem ihm nicht bewusst war, warum und wofür
er büßte. Nur, dass er aber dafür in die Pflicht
genommen wurde.